Die Milchschnitte

Süß wie eine Sahneschnitte. Und schön soft, so dass man sich bloß nicht daran festbeissen kann. Die Milchschnitte ist der ideale Pausen-Snack für zwischendurch. Wir reden natürlich von Männern.
Nachdem die letzte Beziehung in die Brüche gegangen ist, und wir noch nicht bereit sind für etwas neues Festes, ist sie beziehungsweise er genau das Richtige für uns.
Die heissen Schnitten heißen Tim, Lasse oder Björn. So kurz wie der Name ist auch das Intermezzo mit ihnen. Und das ist genau richtig. Wir wollen uns emotional gerade nicht binden, sondern lösen.

Während unser Ex schon längst in einer neuen Beziehung ist, müssen wir verarbeiten. Grübeln. Das sieht dann so aus: Wir spulen unsere vierjährige Beziehung zurück wie einen Film. Stoppen im letzten Jahr ungefähr alle zehn Minuten, suchen nach Hinweisen, an welcher Stelle unsere Liebe wo wie an was warum gescheitert ist, und wie wir das rechtzeitig hätten erkennen und verhindern können. Hirnfick.

+++Stop+++ an unserem letzten Geburtstag, an dem er uns sagte, unser Geschenk hätte es wegen der Post nicht rechtzeitig zum Ehrentag geschafft. +++Stop+++ am vorletzten Geburtstag, als das Paket zwei Tage zu spät kam, weil, genau, die Post einfach zu langsam war. Am 30. Geburtstag hätten wir es sicher gecheckt, dass es nicht am Boten liegt. +++Stop+++ an dem Abend, als wir lieber mit unseren Freundinnen um die Häuser zogen, statt zum Geburtstag seiner Mutter mitzugehen. +++Stop+++ auch an dem Abend, als wir nickten, nachdem er fragte, ob alles zwischen uns in Ordnung sei, obwohl nichts, nichts mehr okay war, wir aber keinen Ton herausbekamen.

+++ S T O P +++

Hätten unsere Freundinnen nicht eines Tages vor der Tür gestanden und gesagt „jetzt reicht’s!“, würden wir uns diese schwarzweiß-Tragödie mit ständig wechselnden Untertiteln heute noch anschauen. Sie legen einen neuen Film ein. Eine stumpfe Kate Hudson-Komödie, in der wir mindestens so gut aussehen wie der Männerschwarm, und, die alles hat, was wir jetzt brauchen: anspruchslose Unterhaltung, hübsche Kerle, vorhersehbare Handlung.

Während wir in der After-Beziehungs-Hour bloß der Statist am Straßenrand waren, spielen wir jetzt in unserer eigenen Version von „Wie werde ich ihn los – in zehn Tagen?“ (klar, der Streifen mit Kate Hudson) die Hauptrolle, machen Regie, und führen das Casting höchstpersönlich durch.

Die Besetzungscouch:

Tim, der Junge: Wir lernen ihn im trendy „Trust“ in Berlin Mitte kennen, die Bar, in die uns Sarah geschleppt hat, und in die wir sonst nie gegangen wären. Alle sind so hip, dass normales Biertrinken aus normalen Bierflaschen zu normal und damit unmöglich erscheint. „Wir müssen besonders sein, anders als alle anderen“, dachten sich wohl die pfiffigen Gastronome. Also wickeln sie eine braune Papiertüte um die Pulle, heben den Preis auf fünf Euro. So hat jeder was davon. Die Inhaber, klar. Und die Biertrinker. Denn die glauben mit jedem Schluck mehr öko, mehr Berlin, mehr „in“ zu werden. Sie flößen sich das neue Selbstbewusstsein quasi ein. Läuft. Trust me. So wie bei Tim: Mit seinen -wie er sagte- 24, -wie wir denken- 20 Jahren, zum ersten Mal raus aus seinem Dorf in der Pfalz, zum ersten Mal alleine Couchsurfing durch Europa, zum ersten Mal einen Hauch von der Idee, wie das Leben sein kann. So kurz nach dem Abi. (Scheisse, war der wirklich so jung?!?) Und: zum ersten Mal was mit einer älteren Frau haben. Wir bieten ihm unsere Couch an. Der Milchbubi kann uns unmöglich das Herz brechen in der ersten Nacht. Und in der zweiten, tja, da ist er ja schon wieder weg. Dank ihm fühlen wir uns kurz wieder wie ein Teenie. Händchenhalten auf dem Nach-Hause-Weg, kichern bis die Sonne aufgeht, zusammen Arm in Arm einschlafen. Alles FSK 16 versteht sich.

Björn, die Illusion: Ihn wollten wir schon immer haben. Er war der begehrteste Kerl der Schule in unserem kleinen Heimatort im Saarland, „almost famous“ sozusagen, um ihn mit einem Hudson-Filmtitel zu beschreiben. Aber immer vergeben. Klar, weil er ja auch so mega niedlich ist mit seinen blonden Locken.  Aber jetzt, jetzt ist er Single. Sabine hat nach über zehn Jahren mit ihm Schluss gemacht. Is‘ nich wahr? Doch. Unsere Chance. #Bloßnichtgleichverlieben #Bloßnichtgleichverlieben sagen wir uns immer wieder, als wir ihn sehr einfallsreich -der alten Zeiten wegen- auf dem Schulhof mit einem Tetrapack Domkellerstolz treffen. Wir sind super nervös, weil wir Björn immer noch mit den Augen eines Teenies sehen. Und wir sind super blöd, weil wir heute erkennen, dass wir Jahre unseres Lebens verplempert haben, damit, ihn als den Mann unserer Träume auszuerkoren. Diese Illusion ist zerstört. Seine blonden Locken sind ab. THE MAN in our dreams is the BOY in real world. Als er uns zu sich nach Hause mitnehmen will, krallen wir uns den Rest Domkellerstolz, und damit am verbleibenden Rest unserer Jugend fest, und sagen ihm „Lebe wohl“. Hier die letzten Worte des Schlussaktes der Schultheater-Aufführung: „Wo wohnst Du denn jetzt, in der Stadt?“, fragen wir. „Spinnst Du“, entgegnet er. „Warum soll ich Miete zahlen, wenn ich bei meiner Mutter umsonst wohnen kann.“ Er kommt sich wahnsinnig clever vor. Er ist 27. Jetzt wird uns auch klar, warum Sabine mit ihm Schluss gemacht hat.

Lasse, der Gutmütige: Lass ihn mal machen, den Lasse: Er ist ein guter Freund von dem Bruder unserer guten Freundin Nadine. „Ihr würdet doch so gut zusammen passen“. Aha. „Er macht gerade dasselbe durch wie Du, eine Trennung“. Soso. Wir hassen Blind Dates, lassen uns aber darauf ein, weil wir eh nichts mehr zu verlieren haben, nach Tim und Björn, finden ihn ganz nett. Lasse hilft uns beim Schleppen unserer Wochenendeinkäufe, holt uns mit dem Auto vom Balletttraining ab, kocht für uns vegetarisch, weil er glaubt, dass wir darauf stehen. Wir sind aber gerne selbstständig, fahren lieber mit dem Rad, und mögen Fleisch. Wir bleiben daher nicht zu der Nachspeise, sondern beißen auf dem Nach-Hause-Weg das letzte Stück unserer Milchschnitte ab. Mit Lasse sind wir heute befreundet. Er ruft an und fragt, ob er seine neue Flamme beim ersten Date mit einem Trip an die Ostsee überraschen soll oder mit ihr einer Fahrt im Heißluftballon machen soll. „Neeeeiinn“, sagen wir, „nichts von beiden“.

Keiner der Jungs hat eine Rolle in unserem Liebesfilm bekommen. Unsere Lovestory endet weder mit dem Jungen, der Illusion oder dem Gutmütigen.
Sondern mit und bei uns. Denn während all diese Männer über Monate -oder gar Jahre- kamen und wieder gingen, ist es eins, was geblieben ist. Wir.

Und damit der Glaube an die Liebe.

Wir wissen jetzt mehr, was wir wollen, und ganz sicher, was wir nicht wollen. Danke, Jungs.

Der Richtige wird schon noch kommen. Und damit es dann nicht wieder ein Intermezzo, sondern die gangganz große, ewige Liebe wird, achten wir darauf, dass der Name des Zukünftigen mindestens aus drei bis vier Silben besteht. Eduard. Oder besser Eduardo. Noch besser ein Doppelname. Eduardo Conrado. Bei dem kann ja wohl nichts mehr schiefgehen.

Und während wir Tim, Björn und Lasse kennenlernten, und auf Eduardo Conrado warten, gibt es eins, das langsam, still und unbeachtet immer ein Stückchen mehr verschwunden ist, die Erinnerung an ihn.

Und bis der Ober uns endlich unseren Hauptgang serviert, an dem wir uns niemals sattessen werden, gibt’s halt weiterhin Schnittchen. Milchschnittchen.

milchschnitte

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13 Kommentare

  1. Ich liebe deinen Schreibstil! Ich bin bin nie auf der Suche nach der großen Liebe. Ich glaube er ist der große Stein, über den ich während ich durchs Leben tanze -einfach so- ,drüber stolpere. Und weil er mich gebremst hat, wandert der schöne Stein (mein Traummann) in meine Westentasche und ich gehe weiter. ❤

    • Danke für deine schönen, lobenden Worte. Die gehen runter wie Öl.
      Deine Sichtweise ist sehr schön, und irgendwie befreiend.

  2. An der Frucht erkennt man den Baum, nicht an den Ergebnissen seiner hausgemachten Psychoanalyse. Wobei letztere, wie hier in Deinem Fall wahrlich sehr unterhaltsam und bestechend ehrlich daherkommen. Danke.

      • …und wenn das nächste Mal jemand vegetarisch für Dich kocht, eröffne ihm 5 Minuten vor dem Dinner, dass Du Dich ausschließlich vegan ernährst.
        Wenn er dann noch lächelnd einen Obstsalat mitsamt Flasche Bier hervorzaubert, dann ist er wahrlich kreativ und ein bisschen tolerant.

      • Haha, dann hat er wahrlich eine Chance verdient. Dann ist er keine Milchschnitte für zwischendurch, denn dann bleiben wir mindestens bis zur veganen Käseplatte.

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