Ein T-Shirt voller Erinnerungen

Er wollte sein Shirt zurück haben, aber ich habe es ihm nicht gegeben.

Es ist doch alles, was ich noch von ihm habe. Ich schnüffle daran, es riecht immer noch nach ihm.

Ein Band-Shirt mit zwölf verwaschenen Buchstaben. Das „A“ von „Alexisonfire“ ist schon fast weg. „A“ steht am Anfang und für den Anfang. Das „E“ erkenne ich noch. „E“ steht am Ende und jetzt auch für das Ende. Dazwischen liegen:

L: Liebe. Vier Jahre lang.

E: Ehe. Die sollte kommen.

X: Ein Satz mit x, er könnte lauten: Daraus wurde nix.

I: Irre viel Quatsch machen.

S: Sex.

O: Ouzo trinken. Eigentlich eher Whiskey-Cola. Aber ein W taucht hier nicht auf.

N: Nudeln. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

F: Faulenzen. Den ganzen Sonntag lang. „Death Proof“, „State of Mind“,  „Donnie Darko“ gucken, Fanta trinken.

I: Immer. Wir für immer. Immer zusammen in derselben Position einschlafen: zur Seite legen, Beine anwinkeln, ranrutschen, Beine verkeilen. Immer zusammen träumen, immer zusammen wieder aufwachen. Immer, immer.

R: Reden. Über alles. Gegen Ende immer mehr über Probleme. Und dann am Schluss: gar nicht mehr.

Ein verwaschenes Bandshirt in meiner Hand. Ich ziehe es ein letztes Mal über. Verwaschene Erinnerungen sind jetzt Perwoll-bunt, da, klar und nah.

Ich trage es den ganzen Tag. Und in der Nacht. Mit angewinkelten Beinen, alleine, ohne Träume.

Am nächsten Morgen packe ich es in den Karton und schicke es ihm. Diesmal an die richtige Adresse.

Jetzt riecht unsere Vergangenheit nach mir, und ich sende sie Dir. 

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4 Kommentare

  1. Es braucht Zeit, bis man die Vergangenheit loslassen (wegschicken) kann, aber inzwischen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass sich dann neue Horizonte eröffnen. Wünsche uns allen, dass wir sie entdecken und erobern.

  2. So ist das Leben…
    ich überlege, wie viel „Shirts“ ich aus ganz unterschiedlichem Grund (oder aus Liebe zum Datail) aufbewahre… 😉

  3. Mir gefällt Dein Schluss 🙂
    Unsere Nase erinnert uns prompt an Menschen, Urlaube, besondere Momente – egal, ob schön oder traurig. Der Duft des nahenden Frühlings trägt auch Erinnerungen mit sich. Wie häufig versuchen wir einen Geruch festzuhalten, weil die Erinnerung schemenhaft in unserem Gedächtnis auftaucht. Wir können sie nicht fassen und der Geruch, dieser flüchtige Geselle, ist schon längst verweht.
    Ich habe in einer kleinen, gut verschließbaren Box die Stofftaschentücher meiner Mutter aufbewahrt. Nach ihrem Tod hingen einige Kleidungsstücke in meinem Schrank. Wenn die Trauer zu groß war, öffnete ich den Schrank und schmiegte mein Gesicht in einen ihrer Pullis oder Blusen. Ich fühlte mich ihr in diesen Augenblicken sehr nah. Heute, viele Jahre später, öffne ich die Box mit den Taschentüchern und sauge tief ihren Duft ein. Das bewahrt mich vor dem Vergessen!
    Gruß,
    Elvira

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