Abfahrt. Ohne mich.

 

Sitzengelassen by Tom Kielhorn

Sitzengelassen by Tom Kielhorn

 

An Tagen wie diesen verfluche ich die Welt, die nicht meine ist. Zug verpasst. Fehlstart in den Tag.

Tagelang nicht mein Tag.

Also mache ich das, was ich am besten kann: Ich weine. Ich sitze heulend am Bahnsteig. Und alle halten mir Taschentücher unter die Nase, fragen, ob sie helfen können. NEIN! Ich will, dass sie mich alleine lassen. Denn das bin ich. Und darum geht es eigentlich. Und daran können sie nichts ändern. Es geht mir nicht im Moment schlecht, sondern generell. Und da nützt kein Tempo. Aber ich nehme trotzdem eins. Danke. Für nichts.

Alle sind verliebt, denke ich jetzt in meiner Wut. Ständig verliebt. Immer frisch. Immer neu. Immer rosarot. Statt wie bei mir immer blauschwarz. Zack, die nächste. Ersetzt. Peng. „Der Platz neben mir ist noch frei“, sagen sie. „Ach, hallo“, und weiter geht die Fahrt. Nur bei mir nicht.

Ich sitze auf dem Bahnsteig und winke denen im Partyzug der Liebe zu. Ich sitze draußen mit Ticket und Tempo in der Hand, tschöö! Darf nicht mit. Die da drin, ich da draußen. Ich heule weiter, weil ich in diesem Moment einfach nichts anderes machen kann. Ich würde mich gerne wie ein Kind auf den Boden werfen, mit den Händen auf den Asphalt trommeln und einfach laut los schreien. AAAHHH! Bis, wie damals, Mama kommt, mich in den Arm nimmt, und sagt: „Es wird alles gut.“ Aber es wird nicht gut. Es wird nie gut. Denn es kommt ja nie jemand.

Also weine ich weiter und weiter und weiter, und weiß nicht, wann das enden soll.

„Ach Kleene, der nächste Zug kommt doch gleich“, sagt ein älterer Herr neben mir und hält mir ein Tempo hin. Er lächelt. Ich nehme es, heule und schnäuze. Und lächle auch. Ein bisschen.

Ich stehe auf. Und geh‘ zu Fuß.

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14 Kommentare

  1. Ich wünsche dir, das all deine Tränen, die ihre Berechtigung haben, allen Kummer davon spülen, dich rein waschen, dein Herz frei machen, so dass du mit klarem Blick siehst, was/wer da vielleicht eines Tages ganz unerwartet vor dir steht, wenn du alles losgelassen und alles Warten beendet hast. Ich fühle mit dir. Manchmal hilft nur noch einatmen und ausatmen. Und loslassen.

  2. Traurig schöne Zeilen. Ich habe etwa 5 plus 2 Jahre auf einen Zug gewartet. Manchmal ist es aber besser den ein oder anderen zu verpassen & ein Stück zu gehen. Stationen zum Ein- und Aussteigen gibt es viele. Und so eine gemütliche Bimmelbahn für lange Reisen lässt leider manchmal eine halbe Ewigkeit auf sich warten.

  3. Deine Worte und Metapher sind so gut gewählt. Ich fühle es, in jedem deiner Wörter. Deinen Schmerz und die Wut und die Angst. Tag ein tag aus. Aber irgendwann siegt die Hoffnung. Die sonne tritt zurück ins Leben. „IrgendwAnn wird alles gut, aber noch nicht jetzt.“ ich fühle genau wie du.

    • Du hast recht. Das ist ein guter Gedanke. Vielleicht ist mein Weg einfach ein anderer und ich sollte die Richtung wechseln. Nach vorne kann ja auch nach links oder rechts abbiegen. Die Sicht gefällt mir 🙂

  4. Du schreibst sehr schön und ich kann deinen Schmerz, deine Trauer und deine Tränen gut verstehen. Aber gib nicht auf! Einatmen und ausatmen hilft wirklich. Es lässt uns spüren, dass wir noch leben. Und irgendwann kommt auch für Dich der richtige Zug, da bin ich mir sicher.

  5. Hallo Evelyn,
    ich mag deine einzigartige Art zu schreiben und lese deine Artikel sehr gerne. Trotzdem wünsche ich dir, dass du nicht erst einen Mann brauchst, um glücklich zu werden!
    Liebste Grüße

  6. Ich bin eher zufällig auf dein Blog gestoßen und dabei haben es mir diese Worte irgendwie besonders angetan.
    Traurig und voller Schmerz zugleich aber auch, auf eine verdrehte Art romantisch, es lässt dich begehrenswert erscheinen und man will dir die Tränen wegwischen.
    Versteh mich nicht falsch, ich hoffe natürlich du findest dein Glück, aber ist es gemein wenn ich mir trotzdem noch einige traurige Momente erhoffe, die du dann zu Papier bringst?
    Und wenn nichts hilft gibt es immer noch das Eis mit Streusel und Sahne 2 Artikel tiefer, das geht mir jetzt nämlich nicht mehr aus dem Kopf 😀

    • Ich fühle halt extrem: in blöden Situationen extrem traurig oder in schönen extrem traurig. Ich nehme es mal als Schreib-Kompliment: von solchen Texten wird es sich noch einige geben. Selbst wenn ich verheiratet bin. Denn solche Momente wird es immer geben. Danke 🙂
      Alles Gute Dir!

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