Männer mit Freundin

 

 

Da gibt es diese Männer. Die sind immer da. Aber nie so ganz.

Denn sie haben eine Freundin.

Sie rufen an, schreiben, treffen sich mit dir. Sie wollen immer wissen, wie es geht. Fast schon könnte man meinen, sie mögen dich. „Ich mag dich“, sagen sie. „Aber ich habe eine Freundin.“

Aber damit weißt du nichts anzufangen.

Also geht es weiter wie immer. Freunde. Ihr trefft euch, küsst euch nie. Und doch seid ihr euch näher als ihr je einer anderen Person wart. Du scrollst durch deinen Whatsapp-Chat und 2368 geteilte Medien. Auch wenn ihr nicht zusammen seid, habt ihr jeden Moment geteilt.

Als er seine elektrische Zahnbürste zum ersten Mal testete und so viel Schaum vor dem Mund hatte, dass er ihn per Schnappschuss mit dir teilen musste. Als er auf der Straße ein kleines Mädchen sah, das einen Einhorn-Rucksack trug. „Bist du das?“, lautet die Bildunterschrift.

Dann kommt es raus. SIE sieht das Foto und 7699 Nachrichten und macht Schluss. Und du fragst, ob du nun seine Freundin bist. „Nein, ich will sie zurück. Aber bitte bleib, sonst bin ich ja ganz allein.“

Du tust das, was du schon längst hättest tun müssen, du gehst. Er weint. Du bist verwirrt.

Die Alte wird seine Neue und er löscht dich bei Facebook. Das wollte sie so. Vertrauensbeweis. Jetzt schreibt ihr euch ohne Facebookfreundschaft, ohne dass bei Whatsapp der Name des anderen erscheint.

Nur die Nummer. Die hat sich in deine Augen gebrannt. Immer wenn sie auf dem Display erscheint, schreckst du zusammen. Wird es das letzte Mal sein?

Aber es klingelt immer wieder.

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Tinder: Wischen für eine bessere Welt – was weg muss, muss weg!

Radar an – wieder auf Empfang

David, 28, 19.05 Uhr: Schöhne Schuhe. Jan, 31, 19.12 Uhr: Sexy Augen. Steffen, 34, 19.45 Uhr: Wann Date? Dann kommen da noch Ryan, 33, 20.02 Uhr: Hey. Lucas, 35, 20.07 Uhr: Na? Und Sven, 29, 21 Uhr: sup girl!

Yep, Ich bin ja wieder hier. Yep, in Berlin. Das heißt auch: Ich bin wieder bei Tinder.

Beim ersten Frauenabend ist die App wieder da, und wir wischen weg, was weg muss.
Es geht beim Tindern nicht ums Treffen, sondern um das Vermeiden. Nein, den will ich nicht kennenlernen, der hat eine Frau im Arm, der eine Katze, der steht oberkörperfrei im Schnee. Nein, ich will mit denen kein Matcha in Mitte trinken. Oder Futschi in Friedrichshain.

Es geht um den Moment. Wenn man beim Tindern sieht, wer alles auf der Suche ist, hat man den Drang, zu fliehen. Um die anderen Frauen vor Polygamie-Werner, Katzen-Toni und Schneehasen zu schützen, wischt man. Bis keiner mehr kommt und man sich erleichtert zurücklehnt.

Weg von meinem Display, weg aus Berlin. So fühlt es sich einen Moment lang an. Durchatmen.

Bis die Nachrichten derer kommen, die normal und sympathisch aussehen. Trefferquote 3 aus 100. Gefühlt.

Überraschung: Doch Aussehen ist halt nicht alles. Auch Rechtschreibung, schreibe ich David um 21.22 Uhr. Und auf plumpe Anmachen stehe ich gar nicht. Meine Augen sind grün, nicht sexy und sehen dich jetzt ganz klar. Nein, ich will keine Bettgeschichte, schreibe ich Jan um 21.23 Uhr.

Wann Date? Nie. Nö, darauf antworte ich nicht.
Hey. Na? sup girl!
Ho. No? gjhv lußß!

Berlin, kannst du auch freundlich?

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Bye bye, L.A.

Ich höre jetzt auf. Mit dem ganzen Abschiedsschmerz. Ich bin wieder hier. Nix L.A.–BERLIN.

Bestandsaufnahme. Was hat sich geändert? Ich war fast sechs Monate weg.

NICHTS. Aber ich sehe die Welt mit anderen Augen.

Die Menschen auf der Straße sind noch genauso unfreundlich wie vorher. Schlagen einem die Tür vom KaDeWe vor der Nase zu, sagen nicht „Hallo“, wenn du ihren Laden betrittst, sagen erst recht nicht „Tschüs“, wenn du ihn, ohne etwas gekauft zu haben, wieder verlässt.

Was mir in den USA manchmal auf die Nerven ging, vermisse ich hier. Klar, man muss mit der Kundin nicht gleich die Handynummer austauschen und sich auf einen Smoothie treffen. Der Taxifahrer muss einem nicht von seiner dritten Scheidung erzählen und bei der nächtlichen Fahrt auf dem Sunset Boulevard über die Liebe philosophieren. Aber ein kleines „Hallo“, gepaart mit einem Lächeln, wäre so nice. Nicht nur für mich, auch für die betreffende Person. Lächeln hebt die Laune. So was von.

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I’m outta here

Aber ich will ja nicht in Erinnerungen schwelgen. Ich höre ja auf. Mit dem ganzen Abschiedsschmerz.

Ich sage nur, BERLIN, ein bisschen Liebe würde dir ganz gut stehen.

Ich möchte nicht morgens um acht über Ekellachen in die U-Bahn in der Warschauer steigen. Und nein, ich möchte keine Drogen kaufen. Ein kleines Lächeln, ein bisschen mehr Liebe, ein Sonnenstrahl – und die Warschauer würde zum Sunset werden.

Na ja o.k., zumindest wäre es hier dann nicht mehr ganz so grau. Ansonsten ist Berlin ja ziemlich okay.

Ich fange jetzt mal an zu lächeln und sage allen freundlich „Hallo“.

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Hello, Berlin

Berlin, ich hasse Dich. Nein, warte, ich liebe Dich doch!

Mit Berlin ist es wie mit einer Beziehung.

Einer langen Beziehung, die manchmal auch runterzieht. Von November bis April. Und dann doch wieder aufbaut. Von Mai bis Oktober.

Wir verfluchen diese Stadt, in der wir uns manchmal allein gelassen fühlen, obwohl wir ein Teil von ihr sind. Denken oft drüber nach, wie es wohl wäre, von hier wegzuziehen. Tun es aber nie. Stellen uns unser Leben in Hamburg, Köln und in einer Stadt, von der wir nicht mal wissen, wo sie liegt, vor. Oder in einem Dorf. Landsehnsucht.

Wie es wohl wäre, dieses andere Leben?

Es ist mein letzter Abend in Berlin, bevor es in die Ferien geht. Ich schaue über die Dächer der Stadt. Der Stadt, die mir in den letzten Wochen die Luft zum Atmen genommen hat. Zu laut, zu eng, zu wenig ich. Kein Platz für mich.

Dieses Panorama ändert sich nie: Baukran neben Baukran. So war das schon, als ich vor vier Jahren hergezogen bin. Damals dachte ich: Berlin liegt jetzt vor dir. Zu deinen Füßen. Baukran neben Baukran = alles möglich. Hier passiert etwas. Ständig entsteht Neues. Auch aus mir? Macht Berlin aus mir etwas Neues?

  
Vielleicht muss man aus Berlin gar nicht weg. Eben aus diesem Grund.

Man verändert sich nicht außerhalb von Berlin. Sondern in Berlin. Mit Berlin. Wie in einer gutfunktionierenden Beziehung.

Und jetzt, wenn ich Berlin für ein paar Wochen fremdgehe, kriege ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich schlecht über meine Stadt gedacht habe. Ich liebe sie doch.

Die Baukräne werden noch dasein, wenn ich zurückkomme. Gewiss. Und dann wird etwas Tolles passieren. Mit mir. Mit ihr. Mit uns. Neues Bauprojekt. In der Hinsicht bleibt sich Berlin treu.

Und ich bleibe Berlin treu. Meine längste Beziehung.

Ich male mir meine Zukunft aus Punkten und nenne mich Monet

Ich male mir meine Zukunft aus Punkten und nenne mich Monet

Punkt bedeutet Ende. Ich finde aber, aus vielen Punkten kann man einen schönen Anfang malen

Umzingelt von vier weißen Wänden. Sie erzählen nichts und wollen so viel.

Ich sitze in meiner Wohnung.

Statt Sommer ist wieder Herbst, und mir ist kalt. Die Gedanken werden grau.

Jetzt sind auch die Wände grau. Und kommen immer näher.

Sie sind schwarz. Da.

Ich zwänge mich durch den engen Spalt, flüchte nach draußen in die Berliner Nacht. Luft. Klarsehen, klar denken.

Aber hier ist es nicht heller. Hier ist es nicht bunter. Hier ist es so … Berlin. Und Berlin ist ein Monet. Von Nahem betrachtet ein einziges Chaos.

Auszug Revaler Straße:

Kaputte Bierflaschen auf dem Boden. Ich sehe: Grün, Weiß, Braun.

Drei Dealer, die mich anquatschen. Ich höre: Marihuana. Koks. MDMA.

Ein Paar, das sich küsst. Wenigstens das. Ich stelle mir Comic-Sprechblasen vor. SCHMATZ. SCHMATZ. SCHMATZ.

Pop-Art im Impressionismus. Roy Lichteinstein trifft Monet. Dit is Berlin. Und ich mittendrin. Aber in der Liebesszene bin nicht ich die, die der Mann küsst. In Lichtenstein-Sprache: URGH!

Ach, mein Berliner Leben, ich mach jetzt einfach selbst Kunst aus dir! Male mir mein eigenes Bild. Bin mein eigener Monet. Das geht so: Punkt. Punkt. Punkt. Einer neben dem anderen. Punkt bedeutet Ende. Setzt man alle Punkte aber nebeneinander, entsteht irgendwann ein Anfang. Mein Anfang.

Nur sehe ich das noch nicht. So ist das eben mit einem Monet. So ist das eben mit mir und meinem Berlin. Ist man mittendrin, erkennt man das große Ganze nicht, verliert sich in unwichtigen Details.

Also mache ich mich auf den Heimweg. Das Bild nehme ich mit, hänge es zu Hause an meine vier weißen Wände. Sie sind jetzt bunt. Erzählen viel. Ich gehe einen Schritt zurück und höre zu.