Ich verliebe mich im Minutentakt

Rosaroter Frühling in L.A.


Ich bin verliebt.

Heute morgen ist es passiert. Ich gehe aus dem Haus, mein Nachbar hält mir die Türe auf. Da, dieses Lächeln, dieses kleine Grübchen. Ist mir das jemals aufgefallen? Jetzt ja. 

Der steht auf mich. So lange hat der mich noch nie angesehen. Hätte ich ihn zu meinem nächsten Brunch einladen sollen?

Ach, zu spät. Jetzt schwingt er sich auf sein Rad. Sportlicher Typ, der Bene. Hat der Beene. Dass mir das jetzt erst auffällt. 

Jetzt ist er weg. Er radelt vorbei an meinem Café, wo ich mir ein Brötchen hole. Der Bäcker ist besonders nett. Besonders zu mir. Besonders heute. Zumindest bilde ich mir das ein. Ich flirte zurück, gebe ihm ein fettes Trinkgeld und ein noch fetteres Lächeln zum Abschied. 

Habe ich mich gerade zweimal innerhalb von zehn Minuten verliebt?

Keine Zeit nachzudenken, denn an der U-Bahn-Haltestelle wartet mein nächster Crush. Er heißt Leon, kommt aus Spanien, fragt, wie er zur Eastside Gallery kommt. Schade, dass ich weitermuss, ich würde gerne mit ihm gehen. Wir würden Händchen halten, ich würde ihm etwas über Berlin erzählen, er mir etwas über Valencia. Wir würden Selfies vor der Mauer machen und uns bei einem Klick küssen. Und beim anderen Klick verlieben. Klick. Schon passiert, als ich in der U1 sitze und Leon hinterherträume.

Ich bin optimistisch, dass ich über ihn hinwegkomme. Bis 8.35 Uhr habe ich mich dreimal verliebt. Der Tag ist noch lang. Der Mai hat gerade erst begonnen. 

Frühlingsgefühle.

Es ist aus – und warum geht es keinem besser?

Er merkt, dass etwas anders ist. Aber dafür ist er nicht verantwortlich, sondern sie.

Sie ist komisch geworden. Geht immer weg. Kommt immer später zurück. Also macht er sein eigenes Ding.

Sie leben wie in einer WG. Gemeinsames Bad, einzelne Betten. Denn er schläft immer häufiger auf der Couch ein. Bleibt dann da.

Sie merkt, dass etwas anders ist. Aber dafür ist sie nicht verantwortlich. Er ist komisch geworden. Schaut sie nicht mehr an. Hört ihr nicht mehr zu. Also macht sie ihr eigenes Ding.

Irgendwann reden beide nicht mehr miteinander. Nur übereinander. Beklagen sich bei Freunden über sie und ihn. Sagen, wie schlecht es ihnen geht. Dass die Beziehung sie erdrückt. Er ist einfach zu viel geworden. Sie nur noch ein Anhängsel.

Befreiungsschlag.

In zwei Jahren ist Schluss. Bis dahin wird er eine beste Freundin haben, die viel mehr als das ist. Bis dahin wird sie was mit drei Männern angefangen haben. Ohne dass sie wirklich Lust darauf hatte. Ohne dass sie sich daran erinnern will. Es sollte nur dieses Gefühl übertünchen. Dieses Gefühl der Last. Sie wollte, dass alles wieder leicht ist. Stattdessen wurde es immer schwerer, sie schwächer.

Jetzt ist alles zusammengebrochen. Sie. Er. Die Beziehung. Endlich. Den Grund fürs Scheitern kennen sie bis heute nicht. Werden sie nie erfahren. Denn niemand hat jemals etwas gesagt. Es war dann halt Schluss. Ist ja auch besser so. Oder? Ihnen ging es ja nicht mehr gut.

Aber warum geht es ihnen jetzt nicht besser?

Ich vergleiche jeden Neuen mit dem Alten

Ich zähle die „ähms“ am Anfang deiner Sätze. Ich bewerte die Auswahl deiner Socken (Spongebob), ich beobachte deine Mundwinkel, die sich beim Lachen nach oben ziehen.

Dabei fällt mir nicht auf, dass du eigentlich ein nettes Lächeln hast.

Als meine Freundin mich nach unserem Date über dich ausfragt, kann ich ihr keine Antworten geben. Fragen, die ich mir nicht gestellt habe. Die ich dir nicht gestellt habe. Die jetzt Jana mir stellt.

Ich war einfach mit etwas anderem beschäftigt. Auch wie du riechst, das weiß ich jetzt gar nicht. Ob du meinen Burger bezahlt hast, auch nicht. Aber ich weiß noch, was auf dem Burger war. Avocado und Camembert. Den mochte ER immer so gerne, und irgendwann ich. Er, mit dem ich dich die ganze Zeit verglichen habe. Er, der sicher nie Spongebob-Socken getragen hätte (kindisch), er, der immer wusste, wovon er sprach und nie seine Sätze mit „ähm“ begonnen hat.

An all das musste ich denken, als ich DICH sah, ohne dich zu sehen.

Und jetzt, wo Jana mich so viel fragt, da denke ich, das mit dir wäre doch ein „janz jeiles“ Date gewesen. Hätte ich dir nur mal eine Chance gegeben. Hätte ich dir nur mal zugehört. Hätte ich dich nur mal angeschaut.

Dann wüsste ich jetzt, dass deine kleine Schwester dir die Spongebob-Socken geschenkt hat. Gespart für den großen Bruder. Süß. Dann hätte ich mitbekommen, dass deine Mundwinkel nach oben gingen, als du über Witze von mir gelacht hast. Ach echt, ich hatte Spaß? Du fandest mich gut?

Tja, habe ich einfach nicht mitbekommen.

Ich vergleiche jeden Neuen mit dem Alten. Solange ich ihn sehe, sind alle anderen unsichtbar.

Wir sind all das, weil wir das eine nicht sein können

Wir klettern auf Bäume. Wenn wir oben sind, essen wir Äpfel. Oder Birnen. Was halt da ist. Oder mitgebrachte Gummischlangen. Wie früher.

Wir sind wie Kinder.

Wenn der eine was hat, was der andere nicht bekommen kann, streiten wir, sind eifersüchtig. Am liebsten würde ich dich an den Haaren ziehen, petzen, aber fünf Minuten später wieder vertragen. Denn am Ende gönne ich es dir natürlich. Alles Glück der Welt. Und du mir.

Wir sind wie Geschwister.

Wenn ich was habe, rufe ich dich an. Auch um fünf Uhr in der Früh. Du hast dich nicht darüber beschwert. Nur deine Freundin. Als sie dich rausgeworfen hat, habe ich dich reingelassen. Um fünf Uhr in der Früh. Ich habe mich nicht darüber beschwert. Nur deine Freundin.

Wir sind wie beste Freunde.

Dein Hund hört nicht auf dich. Aber auf mich. Also komme ich mit euch in den Park, sage „Sitz“ und Carl macht Sitz und du sagst „brav“ und „fein“ und freust dich über deine Erziehungserfolge. Und ich freue mich, dass du dich freust. Fein.

Dann sind wir wie Mama und Papa. Du, ich und Carl, der Hund.

Du lachst. Ich höre dich. Ich sehe dich. Ich fühle. Dich.

Wie Kinder. Wie Geschwister. Wie beste Freunde. Wie Eltern.

Eben nur WIE.

Wir sind all das, weil wir das eine nicht sein können.

Das, was wir eigentlich sind. WIR statt WIE. Ein Paar.

Das weißt du, das weiß ich. Du sagst nichts. Ich sage nichts.

Du lachst immer noch. Ich auch. Und wir gehen mit Carl nach Hause. Ich zu mir. Du zu ihr.

Er hat sich nicht in mich verliebt. Weil ich nicht ich war.

Foto: Florian Wassily Kazimirski

„Und was mich am meisten ärgert: Er hat mich nie richtig kennengelernt“, erzählt mir eine Freundin.

Sie ist verliebt. Jetzt ist es aus. Und daher mag sie ihn nun noch ein bisschen mehr.

Ihre Vermutung: Es hat nicht geklappt, weil sie bei ihm nie sie selbst war. Sie versuchte immer, anders zu sein. Denn sie wollte ihm gefallen.

Er ist der Typ Abenteurer. Ständig auf Reisen. Immer unterwegs. Kommt zurück mit den tollsten Geschichten.

Deshalb sprach sie mit ihm über die Drogenpolitik in Mexiko, Dschungeltouren in Thailand, Wild campen in Norwegen. Auch wenn sie nie dagewesen war und keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.

Sie wollte den Typ Abenteuer. Also war sie Typ Abenteuer.

Dabei ist sie viel mehr Typ „simple life am Pool liegen und die kleinen Dinge genießen“.

Aber das hat sie sich nicht getraut zu sagen, denn dann hätte er ja gedacht, sie sei zu langweilig. Dachte sie.

Wenn er wüsste, dass ich mir bloß ausmale, welches Kleid ich zu unserem Dinner am Strand anziehe und wie ich mir an dem Abend für ihn die Haare mache, würde er mich oberflächlich finden.

Dabei wollte er doch einfach nur ein einfaches Mädchen.

Bei dem er mal nicht das Gefühl hat, auf Reisen zu sein. Bei der er endlich ankommen kann.

Mit der er in Cancún einfach nur am Strand sitzen und an ihren Haaren riechen kann. Kokosduft. Das weiße Kleid mit den gestickten Blüten hätte ihm sicher gefallen.

Er wollte doch einfach nur ein einfaches Mädchen. Das so ist, wie es ist.

Das so ist, wie sie ist.

Nein, Mann, ich bin nicht gerne Single. Deshalb:

 

 

JA, Mann, das ist voll cool. Als Single kannst du dein Leben voll genießen. Party bis morgens um 11 Uhr.

JA, Mann, mache ich ja genau so.

In Berlin. In Los Angeles. Ich flirte, habe Spaß, lande nachts in irgendeinem Pool, plane den nächsten Tag, um am Morgen alles umzuschmeißen, wenn ich barfuß im Hellen nach Hause gehe. Ganz so, wie ich es gerade will. Herrlich. Aber eigentlich ganz so, wie mein Leben als Nicht-Single auch war.

Doch eine Sache ist anders. Die Männer. Manche sehe ich jetzt anders. Die, die glauben, dass ich doch UNBEDINGT jetzt einen Mann brauche. Nämlich SIE! Weil ich ja diese tieftraurige Single-Kolumne schreibe, die längste Kontaktanzeige Berlins.

NEIN, Mann, Singles müssen nicht froh sein, IRGENDWEN abzubekommen.

NEIN, Mann, Singles fühlen sich nicht erst zu zweit komplett. Ich muss auch nicht jeden wollen und bin deswegen nicht gleich arrogant. 

… Also zumindest deswegen. Ich bin das: romantisch. Der eine Mann oder kein Mann.

BREAKING NEWS: Man fällt nicht um, wenn man alleine ist. Ich habe zwei Beine und tanze. Kein Drahtseilakt. Ich habe zwei Hände und würde euch winken. Geht nicht: trinken. Links Gin, rechts Tonic.

Noch was: Diese Zeilen sind keine Single-Kolumne. Es geht um die Liebe. Nicht um Männer. Aber, liebe Leser, seid nett zu den Boys, sollte doch mal einer hier auftauchen. Es geht ohne Männer. Aber mit manchen ist es manchmal auch ganz okay.

Was wir wollen und was wir brauchen

 

Während wir auf den einen warten, verpassen wir den anderen


Was wir wollen, ist das eine. Was wir brauchen, das andere.
Wir wollen ja irgendwie schon diesen coolen Typ in der noch cooleren Verpackung. 

Seine Socken mit Spongebob Schwammkopf passen so gut zu unserem Lieblings-Fernsehprogramm. Seine Bandshirt-Sammlung passt so gut zu unserem Musikgeschmack. Sein Tequila so gut zu dem gemeinsamen Sunrise über den Dächern von Berlin.

Es wird hell, wir waren blind. Oberflächlich.

Denn der Schwammkopf guckt echt nur Spongebob, keinen Peter Klöppel, und war noch nie auf einem „Bring me the Horizon“-Konzert. 

Uns ist kalt. Der Tequila alle.

Er legt seinen Arm nicht um uns. Geht weiter feiern. Ohne uns.

Es ist jetzt Tag und wir sagen Gute Nacht. Das war’s!

Wir wollten den Typ, der so gut in unserer Schweden-Bettwäsche aussieht, dessen Hut gut zu unserer Lederjacke passt. Sein Schatten war so groß, dass wir den schmächtigen Kerl dahinter gar nicht gesehen haben. 

Freie Sicht auf Mr. EigentlichGarNichtUnserTyp. Halbes Hemd statt Holzfäller-Shirt.

Aber Inhalt statt Verpackung.

Wir denken noch: falsch, falsch, falsch. Aber dieser Typ macht einfach alles richtig.

Er schaut uns an, wenn er mit uns redet. Er hört uns zu, wenn wir was Wichtiges sagen, und legt seinen Arm um uns, wenn uns kalt ist. 

Der Tequila ist wieder leer, aber die Party geht weiter. Diesmal zu zweit.

Die Sonne geht auf, wieder unter, wieder auf. Und er ist immer noch da, schaut uns immer noch an, hört uns immer noch zu.

Und uns ist immer noch warm.