Die Liebe ist nicht da, um zu lieben

„Der ist kaputt, kann ich den zurückgeben? Ich hätte gerne alles einmal neu. Das Komplettpaket.“

Sie über ihn: „Er sieht mich nicht mehr, regt mich auf, nimmt mir die Luft zum Atmen. Er ist immer überall. Neben mir, vor mir, im Weg. Nur, wenn ich ihn brauche, ist er nicht da. Er macht mich nicht mehr glücklich. Ich hätte gerne alles neu. Alles auf Anfang. Mehr verliebt statt Alltag. Er checkt’s nicht. Er muss das doch merken.“

Schon hart, wenn man alles hat, alles läuft und alles für selbstverständlich nimmt. Selbst ihn. Seine Liebe.

Die Liebe würde meckern, sie, die Frau, im Gegenzug fragen: „Aber was machst du? Machst du ihn glücklich? Willst du ihn überhaupt glücklich machen? Er ist nicht kaputt. Er muss nicht neu. Er ist kein Küchengerät, geparkt zwischen Milchaufschäumer und Thermomix oberhalb der Einmachgläser, wo du seit Jahren neben Johannisbeergelee seine Bedürfnisse konservierst. Er ist nicht darauf programmiert, dich glücklich zu machen. Aber du, du könntest hin und wieder etwas netter zu ihm sein. Ihm das geben, was du vermisst. Ihn glücklich machen.“

Aber die Liebe meckert ja nicht. Liebe fragt nicht, sondern antwortet. Schon bald. Wenn sie, die Frau, nicht aufhört zu wollen, sondern endlich anfängt zu geben.

Die Liebe ist nicht da, um zu lieben. Die Liebe ist da, um geliebt zu werden.

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Wolkenbruch

Du hast mein Leben verändert.

Wolkenbruch.
Regen.
Du hattest einen Schirm.

Und dann kam auch schon die Sonne.
Wo Schatten war, wurde es hell.
Wenn ich geweint habe, hast Du mich zum Lachen gebracht.
Wenn ich mich klein gefühlt habe, hast Du mich groß gemacht.

Es war leise. Dann kam der Blitz.
Und dann wurde es laut, denn es kam der Knall.
PENG.
Und Du warst da.
Du warst da, und mit Dir die Musik.

Und ich singe das Lied immer noch.
You came, changed the way I feel.
Schnulze.
Hit.

 

Shit.

 

Wolkenbruch.
Regen.
Ich hab keinen Schirm.

Hier ist kein Schatten. Es ist dunkel.
Ich weine nicht, ich heule.
Ich bin nicht klein, ich bin gar nicht mehr da. Denn Du hast mich mitgenommen.

Als Du gegagnen bist.

Ja, Du hast wirklich mein Leben verändert.
You came, changed the way I feel.
My life won’t be the same.

 

Peter Pan ist längst erwachsen und fährt U-Bahn

Ich bin erwachsen, aber nicht spießig. Ich fahre mit dem Skateboard zur Arbeit. Wenn mir samstags langweilig ist, töne ich meine Haare rosa. Und kommt es hart auf hart, gehe ich unter der Woche aus.

Meinen täglichen Weg kreuzen Gleichaltrige, deren Ziel nicht das Büro ist. Wenn sie überhaupt ihre 5er-WG in Neukölln verlassen.
Matthias zum Beispiel, 29. Lehnt es nach sieben „irgendwas mit Medien“-Praktika und Studium ab, das WAS zu definieren und dahinter einen Punkt zu setzen. Er fliegt lieber weiterhin auf dem IRGEND Richtung Nimmerland.
Falls ihr jemals bei diesem Peter Pan-Fan genächtigt habt, sieht der Morgen danach so aus:
Wir wachen in seinen selbstgebauten Hochbett auf, begegnen im Bad seinem Mitbewohner Malte. Malte hat Dreadlocks. Ihm macht es nichts aus, dass wir pinkeln, während er duscht. Passiert. Sagt Matthias.
Wir lehnen dankend ab, wechseln die Location, vom Badezimmer in die Küche, und sehen rot. Terrakottarot. Wischtechnik.
Der Kaffee läuft nicht, tropft. Langsam. Denn statt durch Filterpapier muss er seinen Weg durch zusammengefaltete Küchenrolle finden.
Denn: Matthias hat übersehen, dass der blaue Pfeil auf der Papp-Drehscheibe am Kühlschrank diese Woche auf ihn zeigt. Heißt: er war dran mit Einkaufen. Verpeilt. Passiert. Sagt Matthias. Der auf einem Campingstuhl mit Getränkehalter sitzt, und im Lustigen Taschenbuch blättert.
Wir verzichten auf den Kaffee. Klappen den Comic zu, da wir wissen wie beziehungsweise wann dieser endet. Nie.

Matthias hält sich für Peter Pan.
Ist es aber nicht.

Statt nur durch die Träume der Kinder zu fliegen, fährt Peter Pan heute U-Bahn. Zur Arbeit. Irgendwas mit Jura. Ich bin mir sicher, dass ich ihn auf dem Nachhauseweg aus der WG in der U1 gesehen habe. Im Anzug. Tannengrün.

Peter hat es geschafft in in der Erwachsenenwelt Kind zu bleiben. Das macht ihn aus. Matthias ist erwachsen und lebt in einer Kinderwelt.

Ich bin erwachsen, aber nicht spießig. Ich habe längst selbst fliegen gelernt. Schaffe es aber montags immer wieder rechtzeitig vom zweiten Stern links und immer gerade aus zurück auf die Arbeit.
Die rosa Haarfarbe ist rausgewaschen, als ich heute diesen Text tippe.

Statt aufs Brett steige ich jetzt aber immer öfter in die U-Bahn, wenn ich ins Büro fahre. Vielleicht treffe ich ja Peter.

Suche Plattenspieler, Musik egal

Ach, wir sind doch alle auf der Suche…

Peter, 32: ist gerade von Magdeburg nach Berlin gezogen. Neue Wohnung, neuer Job. Jetzt muss nur noch eine neue Freundin her. Er und Jessica lieben beide das Meer, das muss genügen als gemeinsame Basis. Er mag das Leben spüren, sie will sich lieber mit ihm auf der Couch verkrümeln. Er will in die Wilde Renate und gleich danach ins Berghain. Nie nach Hause. Eigentlich nie zu ihr. Dass sie sich dabei immer verpassen, merkt er nicht. Jessica macht Schluss, fährt alleine ans Meer. Peter datet jetzt Sabine, die Dramaturgin ist. Nun mag er Oper, und meint, dass Verdi gut zu Spaghetti aglio olio und vino bianco passt. Und er zu ihr.

Sandra, 28: ruft ihren besten Freund Paul 62 Tage und Nächte an, weil sich Sebastian nach 8 Jahren von ihr getrennt hat. Als erstes um 7 Uhr morgens: „Meinst Du er hat was mit seiner Ex?“ Verständnis. Zuletzt um 2 Uhr nachts. „Ich versteh einfach nicht, wie das alles passiert ist.“ Verständnis. Am Tag 63 präsentiert sie ihren neuen Freund Mario. Ihre große, große Liebe, vor fünf Tagen auf Tinder kennengelernt. Kein Verständnis. Ihr letzter Anruf ist zehn Stunden her: „Er hat sicher keine Neue, aber warum will er mich dann nicht?“ Mario will sie. Puh, Glück gehabt.

Peter und Sandra treffen sich zwei Monate später auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz. Peter trägt jetzt ein Nine-Inch-Nail-Bandshirt und einen Vollbart. William Fitzsimmons statt Verdi. Ihre Hände berühren sich, als beide gleichzeitig nach einem alten Plattenspieler greifen. Peter kauft das Teil, denn: „super Preis für das Teil, ist original, das Teil. Kein retro, das Teil.“ Und Sandra nimmt er auch gleich mit. Denn auch geiles Teil. Weil big love, Liebe auf den ersten Blick. Schicksbegegnung. Peng und so. In Peters Schlafzimmer hängt jetzt ein Poster von Bob Dylan. Auf dem Schreibtisch hat der Plattenspieler seinen Platz gefunden, auf der Bettkante Sandra. Peters Kleiderschrank ist voll: noch mehr Bandshirts, American Apparel, aber auch viel retro halt. Das Plattenregal ist leer. Sein Herz auch.

Kein.Platz.für.Inhalt.
Suche Plattenspieler. Musik egal.
Suche Beziehung. Person egal.
Suche Rahmen. Bild egal.
Suche Liebe. Weißnichtwasdasist.

Die einen sind auf der Suche nach der Liebe. Die anderen nach einer Beziehung.
Die einen sind auf der Suche nach sich selbst und hören Bob Dylan.
Die anderen kaufen sich einen Plattenspieler.

#unvollständig

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Ich liebe es, morgens neben Dir aufzuwachen. Du schaust mich an und und sagst, du würdest so gerne den ganzen Tag mit mir verbringen.

Ich liebe es, Dir zuzuschauen, wie Du mit der Kaffeemaschine kämpfst, um mir meinen Traum von Milchschaum wahrzumachen. Du sagst, Du willst mich glücklich sehen.

Ich liebe es, mit Dir Zeitung zu lesen und dabei Ben Howard zu hören. Du sagst, es müsse überall Musik sein. Denn, wenn alles scheisse ist, gäbe es ja immer noch die Musik.

„Und uns“, denke ich.
Ich schau‘ Dir nach, als Du das letzte Stück Käsebrot liegen lässt, das ich Dir geschmiert habe, und auf mein Fahrrad steigst.

„ich.LIEBE.Dich.“
Du sagst: „Ichdichauch“,
und fährst zu ihr.